Erfolgreiche “Operation Phish Phry”: In den USA und Ägypten sind 80 mutmaßliche Mitglieder einer Passwort-Diebesbande verhaftet worden. Sie nutzten ihre Beute für Bankbetrug. FBI-Direktor Mueller lobte den Schlag gegen die Organisation. Er selbst gab aber zu, auf Online-Banking zu verzichten.
Es ist der größte Schlag gegen internationale Passwortdiebe, der je geführt wurde – zumindest nach Angaben von FBI-Ermittlern. Der US-Bundespolizei hat am Mittwoch 33 Personen verhaftet, denen vorgeworfen wird, zu einer Phisher-Organisation zu gehören, weitere wurden angeklagt. In Ägypten wurden 47 weitere mutmaßliche Täter festgenommen. Der internationale Ring habe in großem Stil Identitätsdiebstahl betrieben, um so US-amerikanische Banken zu betrügen, teilte das FBI mit.
Die Verhaftungen sind dem FBI zufolge das Ergebnis einer zwei Jahre langen Untersuchung, in der ägyptische und amerikanische Ermittler zusammenarbeiteten. Die Aktion nannten die Polizisten selbst “Operation Phish Phry” – als Phisher bezeichnet man Kriminelle, die sich, meist mit Hilfe gefälschter Login-Seiten, Internet-Zugangsdaten ergaunern. Phonetisch ergibt das Wortspiel die Bedeutung “Operation Fischbraterei” – das Ergebnis präsentierten die Fahnder mit offensichtlichem Genuss.
Die Verhaftungen der Verdächtigen erfolgten in den US-Staaten Kalifornien, Nevada und North Carolina. Insgesamt wurde den Angaben zufolge gegen 51 Personen Anklage erhoben. Ihnen wird die Bildung einer kriminellen Vereinigung mit dem Zweck des Bankbetrugs, des Identitätsdiebstahls und des Computerbetrugs vorgeworfen.
FBI-Chef Robert Mueller erklärte, die Cyber-Kriminellen hätten “amerikanische Finanzhäuser und ungefähr 5000 US-Bürger” zum Ziel gehabt. “Operation Phish Phry” sei “der größte internationale Phishing-Fall, der je gelöst wurde”.
Gezielte Anwerbung von internationalen Fach-Kriminellen
Ein FBI-Sprecher sagte in Los Angeles: “Die Raffinesse, mit der die Phish-Phry-Angeklagten handelten, steht stellvertretend für ein sich herausbildendes, beunruhigendes Muster für Identitätsdiebstahl.” Solche Gruppen rekrutierten gezielt im In- und Ausland Spezialisten, um “Taktiken und Fertigkeiten zu bündeln, die zum organisierten Diebstahl per Computer notwendig sind”.
Ein großer Phishing-Fall, der aber keine Bankkonten betraf, sorgte diese Woche für Schlagzeilen: Auf einer Web-Seite waren zwei Listen aufgetaucht, die insgesamt 30.000 Login-Daten für E-Mail-Konten bei Hotmail (Microsoft), Googlemail, AOL und anderen enthielten. Auch in diesem Fall wird Phishing als Quelle der eigentlich geheimen Daten vermutet.
Eine IT-Sicherheitsexpertin sagte dem Fachblatt “Computerworld” allerdings, sie zweifle an der Phishing-Version der Geschichte, die etwa Microsoft und Google vertreten. Mary Landesman vom Sicherheitsunternehmen ScanSafe glaubt, die Login-Daten seien womöglich eher über Viren oder Trojaner entwendet worden. Sie habe im August selbst einen Datensatz mit etwa 5000 Login-Informationen entdeckt, als sie die Auswirkungen eines bestimmten Stücks Schadsoftware untersuchte.
E-Mail-Passwortklau – nicht Phishing, sondern Schadsoftware?
Die nun aufgetauchten Datensätze seien dieser Datei ähnlich, so Landesman laut “Computerworld”: “Aufgrund der Art, wie die Daten organisiert waren und wie sie in Rohform aussahen, erscheint es mir wahrscheinlicher, dass dies das Ergebnis von Keylogging oder Datendiebstahl war, nicht Phishing.” Keylogging nennt man eine Praxis, bei der ein Stück Schadcode – etwa über einen E-Mail-Anhang oder eine infizierte Web-Seite – auf einem Rechner eingeschleust wird, der dann Tastatureingaben mitprotokolliert und an einen anderen Rechner weiterschickt. Auch diese Technik wird von Netz-Kriminellen gern zum Passwortklau eingesetzt.
Parallel werden oft noch andere Programme eingeschleust, die den befallenen Rechner gleichzeitig zum Teil eines sogenannten Botnets machen, einer Zombie-Armee von Rechnern, die ihr Schöpfer dann wiederum zum Spam-Versand oder für sogenannte Distribuierte Denial-of-Service-Attacken auf andere Rechner einsetzen kann (Begriffserklärungen im Kasten in der linken Spalte).
Eine Branchen-Arbeitsgruppe namens Anti-Phishing Working Group (APWG), die auf die Katalogisierung entsprechender Seiten spezialisiert ist, glaubt allerdings, anders als Landesman, dass die nun aufgetauchten E-Mail-Datensätze über Phishing entwendet wurden. Die APWG hat erst im Juni 50.000 Phishing-Seiten gezählt – die zweithöchste Zahl für einen Monat, die je ermittelt wurde.
FBI-Chef: Seine Frau verbietet ihm das Online-Banking
Der Chef des FBI selbst ist übrigens inzwischen so sehr auf der Hut vor Phishern, dass er das Online-Banking völlig eingestellt hat. Er erklärte laut der Nachrichtenagentur IDG, er sei kürzlich “nur ein paar Klicks davon entfernt gewesen, auf einen anzeigen klassischen Internet-Phishing-Scam hereinzufallen”. Betrüger hätten “drei E-Mails nachgemacht, die so aussahen wie jene, die von der Bank an ihre Kunden geschickt werden”, erklärte FBI-Direktor Robert Mueller. Die Mails seien “sehr gut nachgemacht” gewesen.
Als er seiner Frau davon erzählt habe, habe die gesagt, daraus könne man nur einen Schluss ziehen: “Es geht hier um unser Geld. Für dich gibt es kein Internet-Banking mehr.” Generell, schob Mueller allerdings nach, halte er Online-Banking für “sehr sicher”. Nur bei ihm zu Hause werde es nun eben nicht mehr eingesetzt.
Bislang, so Mueller weiter, habe man “Cyber-Bedrohungen und ihren Folgen” aber “viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt”: “Eindringlinge durchsuchen unsere Netzwerke täglich nach wertvollen Informationen. Unglücklicherweise werden sie auch fündig.”
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,653930,00.html